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Motel Brasilia

Dezember 9, 2010

In der Nähe des Bairro Alto steht ein Motel mit einem gitterummantelten Aufzugschacht, einer schmalen Flügeltür zum Flur, an dessen kurzem Ende steht eine Holzskulptur, welche ein eng umschlungenes Liebespaar zeigt.

Es riecht nach Bügelwäsche der bügelnden Hotelmutter, die eine Handvoll kleiner Zimmer zu vergeben hat. Frei war nur eines, es wunderte mich nicht im Geringsten, allein dieses Motel zu finden schien schicksalhaft, die unauffällig beschriftete Türklingel, eine zaghafte Begrüßung, der erste Blick durch die Türspalte in eine für mich bestimmte Bleibe.

Im Zimmer steht auf marmornem, polierten Boden ein ebonifarbenes, großes Bett. Weiße, glatte Bettlaken mit bestickten Kissen, ein alter, schmaler Schrank, ein Sekretär, ein hölzerner Stuhl davor, auf einem leicht erhöhten, gemauertem Podest die muschelförmig cremefarbene Waschschale.
Der Blick auf die belebte Kreuzung, auf das Café, Espresso trinkende, junge Portugiesen in schwarzen Anzügen, der kleine französische Balkon war wie eine geheime Sicht nach draußen.

Ich liebte diese Bleibe auf Anhieb, das Zimmer, das mich so ruhig und persönlich empfing wie eine lang erwartete Unbekannte.
Es nahm mir so leicht mein konstantes Gefühl des Fremdseins, in einer Stadt in der ich bislang nie war.
Angekommen wollte ich gar nicht mehr fort, wollte hier bleiben, mochte bereits das metallene, schwere Schloss, in das sich der kleine Schlüssel einfügte und die Tür mit einem Geräusch öffnete, als sei es der Deckel einer schweren, hölzernen Truhe.

Ich wusste, ich würde Schönes finden auf der Suche nach einem Abendessen, würde sitzen inmitten Lisboas zwischen blau gekachelten Wänden, an einem Ort, einem Restaurant in der Altstadt, mit einer mütterlichen Fadosängerin hinter zwei Gitarrenspielern, Kaninchen in Knoblauch und Koriander und einer Karaffe kräftigem Tinto auf dem Tisch.

In diesem Moment war ich so weit weg von allem, von all meiner Verantwortung, meinen Gedanken und Plänen.
Und gerade hier hatte ich das seltene Gefühl ganz nah bei mir zu sein, ganz nahe bei dem, was mir wichtig ist, was ich am Leben liebe.

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